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BARBIERI Veljko: Epitaph eines königlichen Feinschmeckers. Wieser Verlag, Klagenfurt 2014

Katharina ZEPPEZAUER-WACHAUER.   

Unfassbar, dass dieser Roman, der 2014 vom Wieser Verlag neu verlegt wurde, kaum in den Köpfen einer deutschsprachigen Leserschaft verankert ist. Und das, obwohl das Glanzstück des kroatischen Schriftsellers Veljko Barbieri bereits 1983 in Zagreb erschien und seitdem mit über 220.000 Exemplaren zu einem der meistverkauften Bücher des neuzeitlichen Kroatiens zählt. Schon 1986 veröffentlichte der Volk & Welt Verlag in der DDR das Epitaph auf Deutsch, 1991 der Fischer Taschenbuch Verlag und 2008 in erster Auflage der österreichische Wieser Verlag.

Veljko Barbieri, geboren 1950 in Split, schreibt nicht nur (serbokroatische) Romane, er ist auch vielfacher Sachbuch- und Gastronomieautor und verfasst in dieser Tätigkeit regelmäßig gastronomische Rubriken für Zeitschriften sowie kulinarische Beiträge für das kroatische Fernsehen. Sein geistreicher, oft satirischer und ab und an auch recht grotesker Stil, den er im „Epitaph" zeigt, fasziniert, begeistert und irritiert zu gleichen Teilen. Man fühlt sich vage an Kafka erinnert: Ins kalte Wasser geworfen, vor den Pranger einer nicht greifbaren, mächtigeren Instanz gestellt, ohne die Möglichkeit, zu verstehen, was da vor sich geht - und warum. Gleichzeitig mit einer solch sprachlichen Souveränität dargebracht, dass jede Seite pure Lesefreude verspricht und das Büchlein mit seinen 118 Seiten eigentlich viel zu dünn für einen wolkenverhangenen Nachmittag ist.

Ein ungenannter jedoch nichtsdestotrotz ungemein sympathischer Gourmet wird von heute auf morgen von einem ebenfalls namenlosen „Chef", einem Vertreter des totalitären Staates und strikten Befolger ominösen Regelwerks, als Gourmand, als Hedonist, als gefährlicher Völlerer, gebrandmarkt.

Was kurios beginnt und noch vage zum Schmunzeln anregt, schlägt rasch ins Bedrohliche um: Beim Marinieren einer Wachtelkeule dringt der „Chef" mit seinen Schergen in die Wohnung des Gourmets ein, verurteilt die Gewürze in der Marinade, den Genuss des teuren Fleisches, den guten Rotwein.

Schon am nächsten Tag wird der Gourmet beim Kauf eines Päckchens Cayennepfeffers von einer obrigkeitshörigen Kassiererin auf die „schwarze Liste" gesetzt, denn „der Verbrauch dieses Gewürzes unterliegt der öffentlichen Registrierung."

Von diesem Zeitpunkt an observiert das „Ministerium für öffentliche Ordnung und Moral" den Gourmet, durchsucht seine Wohnung, veranlasst eine Zwangsbeurlaubung durch den Arbeitgeber und gibt ihm schließlich sogar eine spartanische Liste an Lebensmitteln vor, die er weiterhin einkaufen und ausschließlich nach vorgegebener „Rezeptur des Ministeriums" zubereiten darf. In einer großflächigen Aussendung nebst Steckbrief werden alle Geschäfte der Umgebung davon informiert, ihm nur noch einige wenige Lebensmittel verkaufen zu dürfen: Margarine, Milch, Marmelade, Brot, Hackfleisch, Geflügel, einfaches Gemüse, Mehl, Zucker, Salz, schwarzen Pfeffer, Essig, Öl. Keine exotischen Gewürze mehr, kein rotes Fleisch, kein Fisch, kein Obst, nicht einmal Butter ist erlaubt.

 

Die Absurdität der „Ordnung und Moral" gipfelt schließlich nach einer mehrtätigen Gefängnisstrafe bei eintöniger, „staatserhaltender" Konservenkost in einer kafkaesken Gerichtsverhandlung, in der der Angeklagte nicht weiß, weshalb er angeklagt wird, sich selbst verteidigen muss und wo er „nicht nach dem Gesetz, sondern nach Vergehen" dazu verurteilt wird, nichts mehr essen zu dürfen. Dass dies einem Todesurteil gleichkommt, interessiert die Staatsdiener nicht, denn immerhin handeln sie gemäß den Regeln von „Ordnung und Moral".

Einen letzten „Freund" und Bruder im Geiste findet der zum Hungertod verurteilte Gourmet in Apicius, dem Verfasser des ältesten erhaltenen Kochbuchs der Antike, der seinerseits ein ähnliches Schicksal erlitt. Im Hungerdelirium rät Apicius dem Gourmet jedoch zu einem gefährlichen Schritt...

 

Eine zeitlose Satire, die gerade in Zeiten von Fast „Food" nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Einerseits eine Absage an das erzwungene, einem strengen Ziel verpflichtete „Nützliche", andererseits ein herausragend kunstvolles Plädoyer für den Genuss und für das Leben - darin eine Reihe von lustvoll beschriebenen Rezepten, die beides versprechen.

EpitaphFeinschmecker (29k)

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BARBIERI Veljko: Epitaph eines königlichen Feinschmeckers. Wieser Verlag, Klagenfurt 2014