Logo Epikur - Journal für Gastrosophie
Zentrum für Gastrosophie Impressum
Startseite > Aktuelle Ausgabe > Artikel > Philosophie Epikurs

Gott, Tod und Lust in der Philosophie Epikurs. Mit einigen Gedanken zur jesuanischen Tischgemeinschaft

Wolfgang ROTHER.   

Epikur gehört zu den Philosophen, die ihre Lehren nicht nur in langen und gewichtigen, systematisch gegliederten und kompliziert argumentieren Traktaten darzustellen pflegten, sondern auch

- wie später Seneca oder der Apostel Paulus - gern zum Schreibrohr griffen, um ihre Gedanken in persönlichen Briefen an Schüler oder Gemeinden zu Papyrus zu bringen. Um das Jahr 300 vor Christus richtete er einen Lehrbrief an seinen Schüler Menoikeus. Nach einem Grußwort und einleitenden Bemerkungen zur Philosophie, deren Studium Epikur Jung und Alt gleichermaßen ans Herz legt, da die Beschäftigung mit ihr ein schönes Leben und Glückseligkeit verheiße, stellt er zunächst die Hauptgedanken seiner Theologie dar, die auf diese Weise als das Fundament seiner Philosophie erscheint. In einem zweiten Abschnitt entwickelt er eine Theorie des Todes, um dann die Lustlehre, das Kernstück seiner Philosophie, zu erörtern. Diese Überlegungen fasst er darauf in einem Abschnitt über den Weisen zusammen, der mit der Ermunterung an Menoikeus schließt, die skizzierten philosophischen Lehren zu studieren und zu befolgen und die in der Verheißung gipfelt, dass der Weise gleich einem Gott unter den Menschen lebt. Die theologischen Überlegungen, die den Lehrbrief einleiten und beschließen, bilden so den Rahmen der Argumente und Ratschläge für ein glückliches und lustvolles Leben.

 

Gott

Gott, dessen Existenz Epikur in keiner Weise bezweifelt und zu dessen Erkenntnis wir intuitiv gelangen, ist für ihn wie in den meisten Gottes- und Götterlehren vor und nach ihm, unvergänglich. Vor diesem Hintergrund verwundert die scharfe Kritik, die christliche Theologen später gegen Epikur und seine Philosophie erhoben, zumal die Verwendung des Singulars, „der Gott", Epikurs Theologie durchaus anschlussfähig für monotheistische Religionen macht. Epikurs Gott ist zudem, was andere Theologen zwar nicht explizit hervorheben, aber auch nicht bestreiten würden, ein glückliches Lebewesen. Wogegen Epikur argumentiert, sind falsche Vorstellungen von Gott. Die richtige Vorstellung von Gott ist in den Attributen unsterblich und glückselig enthalten und wurde von Epikur im ersten Satz der Kyriai Doxai, der seine Hauptlehren katechismusartig zusammenfasst, näher ausgeführt: Als glückliches Wesen kennt Gott weder Sorgen und Mühen noch Zorn und Gnade; er ist also frei von jeglicher Leidenschaft.

Diese in ihren Grundzügen deistische Theologie ist aber durch und durch menschenfreundlich. Da Gott keinen Zorn kennt, brauchen wir uns auch nicht vor ihm zu fürchten, wir müssen auch nicht um seine Gunst und Gnade buhlen - er will uns nichts Böses, sondern ist, wie Epikur am Schluss des Briefes an Menoikeus schreibt, ein Vorbild, dem die Menschen nacheifern sollten, um so leidenschaftslos glücklich wie er zu werden.

 

Tod

Was die Menschen seit je wohl am meisten fürchten, ist der Tod, und wer an ein Leben nach dem Tod glaubt, kann sich nie sicher sein, ob ihn nicht noch Schlimmeres erwartet, als er hienieden erfahren hat. Insofern ist es wichtig, dass Gott kein zorniger und strafender Gott ist, dessen Wohlwollen wir durch Opfer oder Gebet erlangen müssen, sondern ein glücklicher Gott, der uns nie und nimmer etwas zuleide tun will.

Für Epikur gibt es nach dem Tode nichts, was sich zutreffend mit dem Ausdruck „Leben" bezeichnen ließe. Nach dem Leben ist der Tod, den Epikur radikal vom Leben unterscheidet und als „Nicht-Leben" bestimmt. Und als Nicht-Leben betrifft der Tod die Lebenden nicht. Solange wir nämlich leben, ist der Tod nicht da, und wenn wir tot sind, sind wir nicht mehr da. Es kann der Tod auch nicht sinnvoll als ein Übel erachtet werden, denn das Urteil, ob etwas gut oder schlecht ist, fällen wir aufgrund unserer Empfindung. Da aber der Tod das Ende aller Empfindung ist, kann er gar nicht gut oder schlecht sein.

Dieser philosophische Blick auf den Tod ermächtigt uns in zweierlei Hinsicht zu einem glücklichen Leben. Erstens nimmt er uns die Angst vor dem Tod, denn im Nicht-Leben gibt es nichts Schreckliches, das wir zu befürchten hätten. Angst macht uns unglücklich und steht dem Gelingen unseres Lebens im Weg. Und unser Wissen um unsere Sterblichkeit nimmt uns die Sehnsucht nach Unsterblichkeit, eine Sehnsucht, die uns daran hindert, hier und jetzt zu leben und glücklich zu sein. Zweitens sind der Tod und die Vergänglichkeit unseres Lebens für Epikur nichts, was in irgendeiner Weise ein glückliches und lustvolles Leben verunmöglicht. Im Gegenteil: Die Endlichkeit des Lebens ist für uns ein großer Segen, weil wir erst dank ihrer imstande sind, ein glückliches und lustvolles Leben zu leben. Endlichkeit ist für Epikur die Bedingung der Möglichkeit unserer Genussfähigkeit. Wenn wir ewig leben würden, könnten und würden wir wohl tatsächlich alles auf morgen verschieben, weil nichts und drängt und wir unendlich viel Zeit hätten - unser Leben würde erlahmen, und wir wären in einem nie endenden Leben statt glücklich ewig unglücklich. Die Endlichkeit des Lebens aber wirft uns zurück auf die Gegenwart als erfüllte Zeit, während die Perspektive der Zukunft uns die Gegenwart und das Lebens selbst verpassen lässt.

Hier ist nicht der Ort zu weit ausgreifenden theologischen Erörterungen, doch würde die christliche Dogmatik zweifellos an Tiefe, Gehalt und Farbe gewinnen, wenn sie die Diesseitigkeit des Daseins und die Fülle des Seins im Jetzt wieder stärker akzentuieren würde. Jedenfalls sind dem neutestamentlichen Denken solche Perspektiven keineswegs fremd. Wenn beispielsweise der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther in Anbetracht der Kürze der Zeit und der Vergänglichkeit der Welt dazu ermahnt, die Welt zu gebrauchen als brauchten wir sie nicht, wird vor allem der Satz, dass die, die Frauen haben, fortan so leben sollen, als hätten sie sie nicht, zur dogmatischen Legitimierung des Zölibats verwendet, was der Kontext durchaus auch, aber nicht ausschließlich nahelegt. Aber diese Lesart blendet die diesseitige, lebensfreundliche und hedonistische Perspektive aus, nämlich dass erst das rechte Verhalten zu den Dingen in der Welt, die ich ja gar nicht wirklich besitze, mir die Möglichkeit eröffnet, ein autonomes und gelungenes Leben im Hier und Jetzt zu führen.

 

Lust

Mit den theologischen Reflexionen und den Gedanken über Tod und Unsterblichkeit, mit welcher einzig Gott selbst etwas Sinnvolles anzufangen weiß, während sie uns am guten Leben hindern würde, sind wir bereits im Zentrum von Epikurs Lustlehre, deren zentraler Gedanke - das Maß - gleich zu Anfang mit einem gastrosophischen Argument erläutert wird. Wir wählen nicht die größte Speise, sondern diejenige, die uns am besten mundet und damit die größten Lustempfindungen verspricht.

Genuss ist für Epikur nicht Hingabe an die Begierden, sondern setzt deren rationale Analyse voraus: Ist meine Begierde natürlich? Oder ist sie unbegründet? Ist sie notwendig, das heißt, hat sie, außer dass sie natürlich ist, auch einen bestimmten Zweck? Das Glücklichsein? Körperliche Gesundheit? Dabei geht es Epikur gar nicht primär um die Lust, sondern um die Befreiung von Schmerz und Angst. Denn wenn wir keinen Schmerz empfinden und keine Angst haben, sind wir glücklich.

Der rationale Umgang mit unseren Begierden, das kluge Abwägen von Vor- und Nachteilen im Umgang mit ihnen, lässt uns auf solche Lustempfindungen verzichten, die uns mittel- und langfristig Schmerzen bereiten. Dass weiß jeder, der mehr als nötig gegessen oder über den Durst getrunken hat. Und entsprechend ist auch nicht jeder Schmerz unbedingt zu vermeiden, denn das Erleiden und Erdulden eines bestimmten Schmerzes kann auf lange Sicht durchaus zu Lust und nachhaltiger Freiheit von Schmerz führen oder zumindest größerem Schmerz vorbeugen. Sport mag anstrengend und zuweilen auch mit Schmerzen verbunden sein, aber er ist, in Maßen getrieben, unserer Gesundheit zuträglich.

Das rechte Maß als grundlegende Maxime legt Genügsamkeit nahe. Genügsamkeit, nicht Überfluss, macht uns glücklich. Einfache Suppen, Brot und Wasser erzeugen, rational betrachtet, die gleichen Lustempfindungen wie der Genuss exquisiter Speisen und teurer Weine. Wer sich an einfache Speisen und Getränke gewöhnt hat, vermag eine von Zeit zu Zeit reich gedeckte Tafel wirklich zu genießen, wer stets im Luxus schwelgt, weiß diesen bekanntlich gar nicht mehr zu schätzen. Und wer bescheiden zu leben gelernt hat, braucht schlechte Zeiten nicht zu fürchten und wird sie im Unterschied zum verwöhnten Menschen problemlos meistern.

Bei seiner Argumentation für einen rationalen und genügsamen Umgang mit den Lüsten schreckt Epikur nicht vor drastischen Worten zurück: „Denn nicht ununterbrochene Sauf- und Fressgelage, nicht die Freude an Lustknaben und Frauen, auch nicht an Fischen und an den anderen Dingen, die eine reich gedeckte Tafel bietet, bewirken ein Leben in Lust, sondern nüchterne Überlegung, die bei jeder Entscheidung über Tun und Lassen die jeweilige Begründung überprüft und die (falschen) Vorstellungen beseitigt, durch die die meiste Verwirrung die Seele überkommt." Jene nüchterne Überlegung ist die Grundlage des glücklichen Lebens, das für Epikur in keiner Weise in einem egoistischer Hedonismus besteht, sondern auf der moralischen Einsicht in die Notwendigkeit eines tugendhaften, das heißt maßvollen und genügsamen Lebens beruht, in das Epikur ausdrücklich die (soziale) Gerechtigkeit einschließt. Für ihn bedingen sich Moralität und Lust wechselseitig: „Die Tugenden sind nämlich von Natur aus mit dem lustvollen Leben verbunden, und das lustvolle Leben kann man nicht von ihnen trennen."

 

Tischgemeinschaft

Epikur hat diesen sozialen Aspekt seiner Lustlehre nicht nur gelehrt, sondern auch gelebt. In seiner Schule, die im Kepos, in einem Garten in Athen, ihren Sitz hatte, fanden Studierende ohne Ansehen von Person, Herkunft und Geschlecht Aufnahme. Das Frauen zum Philosophiestudium zugelassen und im Kepos willkommen waren, war in der Antike durchaus ungewöhnlich. Der Kepos war nicht nur eine Studiengemeinschaft, sondern umfasste auch gemeinsame Mahlzeiten, für die Epikur beträchtliche Mittel aufwendete. Hier wurde aber nicht geprasst. Diogenes Laertios weiß davon zu berichten, dass die epikureische Gemeinschaft eher bescheiden lebte. Man begnügte sich mit einem kleinen Becher Wein und trank in der Regel Wasser. Epikur selbst war mit Brot und Wasser zufrieden und bat einen Freund in einem Brief, ihm Käse zu schicken, „damit ich, wenn ich Lust dazu habe, einmal recht schwelgen kann".

Die gemeinsamen Mahlzeiten standen im Zeichen freundschaftlicher Verbundenheit der Mitglieder der Studiengemeinschaft. Regelmäßig fanden Erinnerungsmahle für verstorbene Mitglieder des Kepos statt. In seinem Testament legte Epikur fest, dass die Schüler, Gefährtinnen und Freunde an seinem Geburtstag jährlich zu einer festlichen Gedenkfeier zusammenkommen sollten.

Nicht bekannt ist, ob sich diese Feiern zu ritualisierten Akten entwickelten wie die Tischgemeinschaften Jesu, die zu seinen Lebzeiten Ausdruck einer klassen-, kultur- und geschlechterübergreifenden Botschaft und Lebenspraxis waren, nach seinem Tod aber bald die Form einer sakramentalen Abendmahls- oder Eucharistiefeier annahmen, die nur noch ein schwaches Abbild des ursprünglichen jesuanischen Geistes der Weltzugewandtheit, Humanität und Lebensfreundlichkeit waren.

Dass Tischgemeinschaft nicht einfach nur ein gemeinsames Essen ist, das den Bauch füllt und den Hunger stillt, sondern einem genuin menschlichen Bedürfnis nach Geselligkeit und Solidarität entspricht, kommt in den von Jesus praktizierten Mahlgemeinschaften ganz besonders zum Ausdruck. Der Gedanke des gemeinsamen Essens und Trinkens zieht sich wie ein roter Faden durch die Evangelien. Um Essen und Trinken in Gemeinschaft überhaupt angemessen würdigen zu können, zieht sich Jesus den Berichten der Synoptiker zufolge am Anfang seines Wirkens in die Wüste zurück, um dort vierzig Tage zu fasten - ohne Essen, ohne Trinken, ohne Freunde. Im Johannesevangelium ist die Akzentuierung eine andere: Hier zeigt sich keine prähedonistische, sondern eine ganz und gar dem Feiern zugewandte Perspektive; hier steht am Anfang ein großes Fest, die Hochzeit zu Kana, an der ausgiebig getafelt und getrunken wird - und zwar in einem Ausmaß, dass Maria ihrem Sohn ausrichten muss: „Sie haben keinen Wein mehr." Worauf Jesus nicht etwa meint, es sei nun genug getrunken worden, sondern in einem beherzten Akt das Wasser in den Krügen in auserlesenen Wein verwandelt.

Jesus pflegt Tischgemeinschaft aber nicht nur mit Freunden und Verwandten, sondern mit allen Menschen. Die Einladung zur königlichen Hochzeit und zum großen Abendmahl schließt niemanden aus - alle sind eingeladen. Wer die Einladung ausschlägt, schließt sich damit willentlich selbst aus der Solidargemeinschaft aus. Dass die Einladung zum Mahl allen Menschen gilt, die Mahlgemeinschaft eine universale ist, zeigt sich eindrücklich in den Berichten über die Speisung der Fünftausend und der Viertausend, die in den Evangelien als Wundergeschichten ausgestaltet sind.

Wenn die von Jesus geforderte Solidarität universal ist, dann schließt sie grundsätzlich die Ausgestoßenen und selbst die Feinde ein. Deshalb pflegte Jesus auch Tischgemeinschaft mit den verhassten Zöllnern, die im Sold der Besatzungsmacht standen, und mit den sogenannten Sünderinnen und Sündern, worüber sich das religiöse bekanntlich Establishment empörte, was Jesus jedoch keineswegs daran hinderte, ebenfalls mit den Pharisäern, die ihn so heftig kritisierten und ablehnten, am gleichen Tisch zu essen. Der Vorwurf, dass Jesus ein Freund der Zöllner und Sünder sei, wurde mit dem hedonistischer Praxis verbunden: „Siehe, was ist dieser Mensch für ein Fresser und Weinsäufer!"

Ob das letzte Mahl, das Jesus mit seinen Freunden feierte, bevor er den Kreuzestod starb, und an dem ebenfalls Wein getrunken wurde, von ihm wirklich als Einsetzung eines Sakraments gedacht war, ist eine theologisch-dogmatische Frage, die den Kern der evangelischen Lehre ausblendet. Den Wein, der beim letzten Mahl aufgetischt wurde, vergleicht Jesus im Zuge dieses dramatischen Abschieds von den Gefährten mit seinem Blut. Das ist nicht nur und vielleicht gar nicht einmal zur Hauptsache ein Hinweis auf seine Hinrichtung am Kreuz. Das Trinken aus dem gemeinsamen Kelch und das Teilen des Brotes setzen vor allem ein Zeichen für die bedingungslose Solidarität, das auch den Verräter, der mit den Gefährten am Tisch sitzt, nicht ausschließt.

In noch stärkerem Maße als die großen Speisungen setzen die Erscheinungsmahle des auferstandenen Christus ein Zeichen für die Universalität und menschliche Solidarität, die von der Person des historischen Jesus abgetrennt wird und für den überzeitlichen Charakter seiner Lehre und Praxis stehen. Der auferstandene Christus gibt sich in der Mahlgemeinschaft, in jedem solidarischen Miteinander zu erkennen. Dort, wo Menschen Brot und Wein, ihr Essen und Leben miteinander teilen, ist Gott präsent. Vor diesem Hintergrund erscheint die kirchliche Sakramentalisierung des Essens und Trinkens als Entleerung der menschenfreundlichen Botschaft Jesu.

Dieser epikureische Blick auf das Sakrament des Abendmahls ist dem Geist der Religionsphilosophie Ludwig Feuerbachs geschuldet, dessen Wesen des Christentums mit einer Hymne auf Brot und Wein und Wasser schließt, die aus einer kritischen theologischen Perspektive ebenfalls die ökologische Dimension des Essens und Trinkens beleuchtet und indirekt auch den politischen Aspekt des Hungers anspricht:

„Essen und Trinken ist das Mysterium des Abendmahls - Essen und Trinken ist in der Tat an und für sich selbst ein religiöser Akt; soll es wenigstens sein. Denke daher bei jedem Bissen Brot, der dich von der Qual des Hungers erlöst, bei jedem Schlucke Wein, der dein Herz erfreut, an den Gott, der dir diese wohltätigen Gaben gespendet - an den Menschen! Aber vergiss nicht über der Dankbarkeit gegen den Menschen die Dankbarkeit gegen die Natur! Vergiss nicht, dass der Wein das Blut der Pflanze und das Mehl das Fleisch der Pflanze ist, welches dem Wohle deiner Existenz geopfert wird! Vergiss nicht, dass die Pflanze dir das Wesen der Natur versinnbildlicht, die sich selbstlos dir zum Genusse hingibt! Vergiss also nicht den Dank, den du der natürlichen Qualität des Brotes und Weines schuldest! Und willst du darüber lächeln, dass ich das Essen und Trinken, weil sie gemeine, alltägliche Akte sind, deswegen von Unzähligen ohne Geist, ohne Gesinnung ausgeübt werden, religiöse Akte nenne, nun so denke daran, dass auch das Abendmahl ein gesinnungsloser, geistloser Akt bei Unzähligen ist, weil er oft geschieht, und versetze dich, um die religiöse Bedeutung des Genusses von Brot und Wein zu erfassen, in die Lage hinein, wo der sonst alltägliche Akt unnatürlich, gewaltsam unterbrochen wird. Hunger und Durst zerstören nicht nur die physische, sondern auch geistige und moralische Kraft des Menschen, sie berauben ihn der Menschheit, des Verstandes, des Bewusstseins. O wenn du je solchen Mangel, solches Unglück erlebtest, wie würdest du segnen und preisen die natürliche Qualität des Brotes und Weines, die dir wieder deine Menschheit, deinen Verstand gegeben! So braucht man nur den gewöhnlichen gemeinen Lauf der Dinge zu unterbrechen, um dem Gemeinen ungemeine Bedeutung, dem Leben als solchem überhaupt religiöse Bedeutung abzugewinnen. Heilig sei uns darum das Brot, heilig der Wein, aber auch heilig das Wasser! Amen."

 

 

Bibliographie

Stellen im Neuen Testament

Evangelium nach Matthäus: Mt 4,1-2; 6,13-21; 9,10-11; 11,19; 15,32-39; 22,1-10; 26,20-29.

Evangelium nach Markus: Mk 1,12-13; 2,15-16; 6,35-44; 8,1-9; 14,18-25; 16,14.

Evangelium nach Lukas: Lk 4,1-2; 5,29-30; 7,36; 9,12-17; 14,1; 14,16-24; 15,1-2; 22,14-23; 24,31-32.

Evangelium nach Johannes: Joh 2,1-10; 6,5-13; 13,21-30; 21,12.

Brief des Paulus an die Korinther: 1Kor 7, 29-31.

 

Epikur

Diogenes Laertius: X. Buch, Epikur, Griechisch-Deutsch, Übersetzung von Otto Apelt. F. Meiner, Hamburg 1968.

Epikur: Briefe, Sprüche, Werkfragmente, Griechisch/Deutsch, übersetzt und herausgegeben von Hans-Wolfgang Krautz. Reclam, Stuttgart 2001.

Epikur: Brief an Menoikeus, Edition, Übersetzung, Einleitung und Kommentar von Jan Erik Heßler. Schwabe, Basel 2014.

 

Weitere Literatur

Erler, Michael: Epikur. In: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike IV/1. Schwabe, Basel 1994, S. 29-202.

Erler, Michael u. Rother, Wolfgang: Philosophie der Lust. Studien zum Hedonismus. Schwabe, Basel 2012.

Feuerbach, Ludwig: Das Wesen des Christentums. Leipzig 1849.

Held, Katharina: Hedone und Ataraxia bei Epikur. Mentis, Paderborn 2007.

Hossenfelder, Malte: Epikur. C. H. Beck, München 2006.

Rother, Wolfgang: Lust. Perspektiven von Platon bis Freud. Schwabe, Basel 2010.

Rother, Wolfgang: Genießen und Genuss. Annäherungen an ein Phänomen menschlicher Existenz. In: Lothar Kolmer u. Michael Brauer (Hg.): Hedonismus. Genuss - Laster - Widerstand? Mandelbaum, Wien 2013, S. 15-28.

Rother, Wolfgang: An den Grenzen hedonistischer Lebenskunst. Leiden, Schmerz, Trauer, Krankheit und Tod. In: Lothar Kolmer u. Michael Brauer (Hg.): Hedonismus leben. Der „gelungene Tag" in Geschichte und Gegenwart. Mandelbaum, Wien 2016, S. 29-40.

Rother, Wolfgang: Zur Ontologie von Lust und Leiden. In: conexus 1 (2018), S. 35-50.

Rother (72k)

Letztes Abendmahl von  Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770), Bild: Nationalmuseum Warschau