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„... die Lust sei das Ziel ..."

Zitate, aus dem Zusammenhang gerissen, wurden und werden meist in einem Sinne verwendet, wie ihn sich der Autor weder gedacht und noch gewünscht hat - mehr noch: oft polemisch gegen ihn gewandt. Epikuros (341-270 v. Chr.) widerfuhr das wie kaum jemandem.

Er und seine Anhänger wurden als „epikureische Weltsäue" nicht nur zu Zeiten des Barocks geschmäht, sondern schon in der Antike von den Vertretern der Stoa, einer Philosophie des Lustverzichts, der Askese, die Epikurs Lustethik immer wieder heftig angriffen. Das Christentum wies eine ähnlich lustfeindliche Ausrichtung auf, darum verwundert die heftige Ablehnung, Verdammung auch von dieser Seite keineswegs. Es  macht einen fundamentalen Unterschied, ob man den Leib und seine Bedürfnisse gering schätzt, ja verachtet und daraus seine Tugend gewinnt oder die Philosophie eines maßvollen, bescheidenen Lebens verkündet, in dem aber der Genuss, die Freude am Essen ihren eigenen Stellenwert haben. Um dieses lebenswertere, leibes- und liebeswürdigende, somit auch attraktivere Modell zu diskreditieren, verdammten es die Gegner als extremen Hedonismus. Der findet sich in Epikurs Schriften, von denen nur Bruchstücke überliefert sind, nirgends:

„Wenn wir also sagen, die Lust sei das Ziel, meinen wir damit nicht die Lüste der Hemmungslosen und jene, die im Genuss bestehen, wie einige (annehmen), die dies ... böswillig auffassen ..., sondern weder Schmerz im Körper noch Erschütterung in der Seele zu empfinden. Denn nicht Trinkgelage ... auch nicht das Genießen von Knaben und Frauen, von Fischen und allem übrigen, was eine aufwendige Tafel bietet, erzeugen das lustvolle Leben, sondern ein nüchterner Verstand, der die Gründe für jedes Wählen und Vermeiden aufspürt ..."(1) Was Michel Onfray(2) treffend „raison gourmande" - „genießerische Vernunft" - nannte, ist damit gemeint; etwas „deutscher" übersetzt: „vernünftiger Genuss".

Doch die Folgen dieser Verdammung reichen bis heute. Harald Lemke zitiert in seinem folgenden Beitrag Ernst Bloch, wonach nicht dieser „gastrosophische Wärmestrom", sondern „der metaphysische Kältestrom des Platonismus" sich ausgebreitet und die Kultur bestimmt habe.

Braucht es nicht gerade heute, angesichts der post-postmodernen Unübersichtlichkeit, einen nüchternen Verstand, der die Gründe für jedes Wählen und Vermeiden aufspürt und begründet? Ein Wissen, was gut ist, was dem Menschen gut tut - und was da Gegenteil davon ausmacht? Wir brauchen Ein- und Umsicht, vernünftige Begründungen für unser Handeln und Wählen - für unser Leben, gerade bei den Lebensmitteln. Davon leben wir! Dazu lehrt Epikur, sich mit dem zu begnügen, was man haben kann und wirklich braucht, etwa für die Gesundheit, und nicht nach dem zu streben, was als Möglichkeit am Horizont steht, von der Werbung als Utopie vorgegaukelt.

Epikur ist in seine Zeit zu stellen, wo nicht der Überfluss, wie in unseren Breiten heute, herrschte, sondern die Ernährungslage für die allermeisten Menschen immer prekär war. Unterversorgung und Hunger bildeten die Realität, Luxus und Üppigkeit die Ausnahme (außer für eine ganz kleine Oberschicht). Vor diesem Hintergrund eines allgegenwärtigen Mangels liest es sich anders: Da ist der zufrieden, der seine primären Bedürfnisse stillen kann. Das bildet den Ausgangspunkt, das Wissen um die Gegebenheiten des Lebens und das Sich-Einstellen und Einlassen darauf. Wenn es dann zu aufwendigen Mahlzeiten reicht - durchaus und mit Genuss und gutem Gespräch! Doch auch dabei empfiehlt es sich nachzudenken, was man isst und was warum besser nicht - und warum solch ein Ungleichgewicht?

Wir sind im Jetzt und Heute. Wir können uns einen früher kaum vorstellbaren Aufwand leisten und viele tun das auch. Doch wir sehen das Ungleichgewicht noch immer, jetzt globalisiert: die reicheren Völker völlern auf Kosten der ärmeren; immer noch gibt es Hunger und Ernährungsmangel auf der Erde. Unsere Gesellschaft treibt Raubbau an den Ressourcen, verschwendet Naturraum, verpestet die Umwelt: brauchen wir Schweinefabriken für 50.000 Tiere? Wollen wir das produzierte Zeugs wirklich - bloß weil es unschlagbar billig ist und viele lieber nicht nachdenken, warum das so ist? Denn dann müssten die wahren Kosten, für die Umwelt, für die Krankheiten (60% haben ernährungsbedingte Wurzeln) eingerechnet werden.

Es kann jetzt nicht mehr um Quantität gehen: Viel und billig - es muss um die Qualität gehen. Die der Lebensmittel bildet auch die unseres Lebens ab. Wir haben die Grenze zum Üblen schon lang überschritten, was die Umweltbelastung betrifft (Massentierhaltung, Gülleseen, Endlostransporte ...), das Ungleichgewicht in der Welt (Ausbeutung von Mensch, Tier, Natur). Wir haben die Grenzen des Er-Tragbaren auch schon überschritten: die Deutschen sind das dickste Volk der Welt!(3) Sie liegen im Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Amerikanern, Engländern, Österreichern ...

Das senkt die Lebensqualität und erhöht die Krankheitskosten ins Astronomische - die Gesellschaft muss das Experiment, wie weit sich die „menschliche Hülle" ausfetten(4) lässt (ca. 550 kg(5)), abbrechen. Schon wieder sind wir bei Epikur: „Unersättlich ist nicht der Bauch, wie die Masse behauptet, sondern die trügerische Meinung vom unbegrenzten Fassungsvermögen des Bauches."(6)

Wir haben Epikur zum Namensgeber gewählt, weil seine Philosophie immer noch und gerade in heutigen Zeiten zum Nachdenken anregt. Dazu wollen wir Material liefern. Wir bringen unterschiedliche Meinungen (für die jeder Autor geradestehen muss) und lassen andere gelten, wenn sie jeweils rational argumentiert und „anschlussfähig" sind, um sich damit auseinanderzusetzen, um so gemeinsam weiterzukommen. Manche Dinge werden wir auch aufgabeln und aufspießen - auch im antiken Sinne: Literatur soll nützen, aber auch unterhalten - prodesse et delectare.

Die Wissenschaft hat sich um gesellschaftliche Fragen und Probleme zu kümmern. Doch als Missionare, Prediger eines anderen, „besseren" Lebens sehen wir uns nicht, das gilt für den metaphysischen Bereich wie den ganz irdischen physischen.(7) Aber anregen zum Nach-, zum Umdenken, zum eigenen Handeln aus erfolgter Reflexion heraus, das wollen wir durchaus. Unser Vorteil liegt darin, dass wir aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen kommen und deren Erkenntnisse einbringen wollen, nicht kommerziell ausgerichtet sind; wir müssen keine Exemplare samt Werbung verkaufen und darauf im Inhalt populistische Rücksicht nehmen. Wenn man „Nachteile" suchen will - wir sind ein Medium im „Netz", wir werden nicht verleugnen (können), weder im Stil noch in den Inhalten, dass wir einer universitären Einrichtung angehören; deswegen auch „andere Federn" im Journal. Wir stehen zu unserer Anlehnung an Epikur: „Bei den meisten Menschen äußert sich die Ruhe betäubt, die Bewegung rasend."(8)

Wir zählen uns gerne zu den munteren „Schweinchen aus der Herde Epikurs", wie Horaz in einem seiner Briefe (Epistolae, I, 4, 16) sagte: „Epicuri de grege porcus", und tummeln uns.

 

Quellen, Anmerkungen

  1. Brief an Menoikeus, 132, in: Epikur, Briefe. Sprüche. Werkfragmente, übersetzt und herausgegeben von Wolfgang Krautz. Reclam, Stuttgart 2001.  
  2. Michel Onfray, La raison gourmande. Philosophie du gout. Paris 1995.  
  3. Süddeutsche Zeitung, Ostern 2009, Nr. 84, S. 23.  
  4. Dieses Zitat wird Napoleon zugeschrieben, der es auf den von ihm eingesetzten König von Württemberg anwandte.  
  5. Die neuesten Versuche stammen aus Südamerika und finden sich in den Curiosa-Spalten der Medien.   
  6. Epikur, Weisungen, 59.  
  7. Und wenn uns die Medien als „Gutmenschen" sehen (so die „Salzburger Nachrichten" vom 2. Juli 2009), können wir damit leben.  
  8. Epikur, Weisungen, 11.